* sänger und therapie

Die Dysodie bezeichnet die Störung der Sänger- bzw. Singstimme und ist damit eine spezielle Form der funktionellen Stimmstörung. Auf Grund der hohen stimmlichen Belastung sind professionelle Sänger am häufigsten betroffen. Ausgenommen ist eine bewusste “artifizielle Heiserkeit”, die aus stilistischen Gründen eingesetzt wird. Hier bestehen in der Regel keine Beschwerden und kein Behandlungsbedürfnis. Eine Störung der Sprechstimme hat nicht zwingend eine Dysodie zur Folge und umgekeht; beide können sich aber gegenseitig beeinflussen (Seidner / Wendler 2004).

Für die Dysodie gibt es vielfältige Symptome in den Bereichen Atmung, Phonation, Artikulation (Ansatzrohr) und Körper. Dazu gehören beispielsweise:

Phonation

  • Stimme „funktioniert nicht mehr richtig“ nach länger andauernden stimmlichen Beanspruchungen oder nach akuten Überforderungen
  • Nebengeräusche, Rauigkeit, Behauchtheit (Heiserkeit)
  • Stimmversagen
  • weicher Stimmeinsatz und Pianosingen erschwert, pathologische Einsätze
  • Forte wird mit Überanstrengung produziert
  • Dynamikeinschränkungen, vermindertes Schwelltonvermögen
  • Brüchigkeit
  • Dominanz von Brust- oder Falsettfunktion
  • Intonation: Detonieren (zu tief) oder Distonieren (zu hoch)
  • verminderter Tonumfang
  • unzureichende Vibratosteuerung (Tremolo, Wobble): gestörte Balance zwischen medialer Kompression und Atemdruck

Respiration

  • zu kurzer, unruhiger Atem
  • verminderte Tonhaltedauer
  • Hochatmung
  • ungleichmäßige Zwerchfellbewegungen
  • zu langes Singen auf einen Atemzug
  • fehlende Atemstütze; “Überstützen” durch zu große Einatemvolumina

Ansatzrohr und Artikulation

  • Rachen- oder Kehlverengung
  • Zungenfehlstellung
  • rückverlagerte Vokalbildung
  • zu hoher oder zu tief gestellten Kehlkopf
  • Nasalität durch zu schlaffes Gaumensegel
  • fehlender Stimmsitz

Körper und Körperempfindungen

  • Missempfindungen im Halsbereich (Trockenheitsgefühl, Fremdkörpergefühl)
  • veränderte Klangempfindung
  • allgemeine Anstrengung und rasche Stimmermüdung beim Singen
  • verkrampfte mimische, gestische und körperliche Bewegungen

 

Annette Goeres beschreibt eine aus der Erfahrung nicht zwingende, aber typische Abfolge von Dysodien (Verschriftlichung zum VortragDie Therapie der hochausgebildeten Stimme“. Bundesverband Deutscher Gesangspägagogen, Mainz, 12.04.2013):

1. Schleimhautschwingung nimmt ab

  • z.B. beginnende Erkältung, Druckmuster, etc.

2. Verlust der brillanten hochfrequenten Klanganteile

  • noch leistungsfähig, klingt aber matt

3. Klangverlust wird durch Lautstärke und/oder Druckmuster kompensiert

  • Klangverlust wird durch leichten Druck kompensiert

    → erhöht Lautstärke und führt ggf. auch zu höheren Frequenzen

4. erste Schwellung der Stimmbänder

  • Schutzreaktion der Schleimhaut: leichte Aufpolsterung gegen den Druck

    → Stimme tiefer und dunkler

5. unvollständiger Stimmbandschluss

6. harter oder abrupt behauchter Stimmeinsatz

  • weiche Einsätze im Piano nicht mehr möglich

7. Verlust des Piano

  • ggf. nur noch lautes Singen möglich

  • Crescendo und Decrescendo fallen schwer

8. reduzierter Frequenzumfang der Stimme vor allem in der Höhe

  • Höhe und Stimmbandschluss werden mit kompensatorischem Druck erreicht

    → Registerdivergenz

9. Umgang mit der Stimmstörung, Schutzmuster

  • Schutzmuster/Schonhaltungen, z.B. erhöhte, randkantige Sprechstimme

10. Pathologische Veränderungen der Stimmbänder

  • Schwellungen, Stimmbandödeme, Stimmbandknötchen, Polypen, Zysten, geplatzte Blutgefäße

 

→ All diese Symptome führen in der Regel zu weiteren Kompensationsspannungen (forcieren auf glottischer und supraglottischer Ebene, als auch gesamtkörperlich).

 

Die Anamnese und Diagnostik einer Dysodie erfordert sowohl auf ärztlicher, therapeutischer und gesangspädagogischer Ebene interdisziplinäre Kenntnisse und Einfühlungsvermögen:

  • ausführliche Stimm- und Berufsanamnese, u.U. bis in die Kinder- und Jugendzeit
  • Miteinbeziehen sozialer und psychischer Aspekte
  • auch sehr geringgradig ausgeprägte Befunde an den Stimmlippen müssen erkannt oder ausgeschlossen werden können
  • ausführliche Diagnostik der Sprech-, Ruf-, und Gesangsstimme

Der Singing Voice Handicap Index kann erste Hinweise auf eine Dysodie liefern. Die deutsche Fassung, bereitgestellt von der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e.V. (DGPP) finden Sie hier. Die Beurteilung einer Stimmstörung anhand dieser Selbsteinschätzung muss von einer Fachperson vorgenommen werden. Verallgemeinert kann jedoch gesagt werden, dass bei einer Gesamtpunktzahl > 17 eine phoniatrische Abklärung empfohlen wird.

 

Die Ursachen einer Dysodie können sehr vielfältig sein. Häufig kommt eine akute stimmliche Überbelastung mit einer Erkältungsphase und/oder einer Stressbelastung zusammen.

 

In der Therapie müssen somit zunächst unbewusste und automatisierte Ersatz- und Kompensationsmuster (Körper, Atemführung, Phonation, Ansatzrohr) erkannt und aufgelöst, sowie die feinen Schwingungsanteile aus Schleimhaut und Randkante des Stimmbandes regeneriert werden. Wichtig ist außerdem, dass der Sänger während der Arbeit an innerer und äußerer Haltung, Tonus, Atmung, Phonation und Artikulation wieder neues Vertrauen in die eigenen stimmlichen Fähigkeiten gewinnt. Voraussetzung für die Therapie auf Seiten des Sängers sind das Vertrauen in den Therapeuten, die Bereitschaft, sich mit den Ursachen der Stimmstörung auseinanderzusetzen und die Gesangstechnik grundlegend neu zu überdenken sowie die ursprünglichen künstlerischen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.

Ich besitze die deutsche Kassenzulassungsfähigkeit gemäß § 124 SGB V für Stimmtherapie und erteile in Zürich Stimmtherapie an Privatzahler.

Bei Interesse oder Fragen kontaktieren Sie mich gerne per Mail oder über das Kontaktformular unter│kontakt│.

–  © Havlena Beßler I pixelio  –